Dokumentation über den landwirtschaftlichen Betrieb der Familie v. Alvensleben in Sülldorf

Von Joachim v. Alvensleben (verfasst 1998, ergänzt 2008)

Sülldorf Alte PostkarteSülldorf liegt im Zentrum der Magdeburger Börde und gilt als ein sehr ertragreicher Alvenslebenscher Besitz. Die Grundlagen der vorteilhaften Lage liegen in dem Löß- und Humusgehalt des durch seine große Fruchtbarkeit bekannten dunklen Bördebodens. Der Löß ist während der letzten Eiszeit aus den Steppen Innerasiens vom Winde abgelagert worden, während der Humus durch viele Generationen von Gräsern während der trockenen Periode, der so genannten Steppenzeit, entstand. Obwohl die Magdeburger Börde schon seit mehr als 1000 Jahren in Kultur genommen ist, zeigt sie keine Verringerung der Produktivkraft des Bodens.

Geschichtliche Entwicklung bis 1945

Die Geschichte Sülldorfs ist eng mit den Salzlagern verbunden, die dem Ort und der an ihm vorbei fließenden Sülze den Namen gaben. Sülldorf gelangte 937 durch Stiftung Ottos I zum wesentlichen Teil an das Magdeburger Domstift. 1299 wurde mit der systematischen Ausnutzung der Salzlager begonnen. Ab 1339 gehörte Sülldorf mit Staßfurt und Groß Salze zum „Magdeburger Salzwerk“ und erlangte im 16. Jahrhundert mit Hilfe von Aktienkapital den Höhepunkt seiner Bedeutung. 1726 war die Blütezeit des zu einem Stadtflecken herangewachsenen Ortes zu Ende, als nämlich das 1723 erlassene „Salzregal“, wonach nur dem Staate die Salzgewinnung zustand, durchgeführt wurde.Die Besitzer der beiden Sülldorfer Güter zählten zu der ,,adligen Pfännerschaft" von Groß Salze. Von großer Wichtigkeit für den Ort ist die Familie von Angern, die schon vor 1527 in Sülldorf ansässig gewesen sein mußte und 1885 das Hauptgut im Erbgang an die Familie v. Alvensleben weitergab.

Die Familie v. Angern ist eine zu ihrer Zeit hoch angesehene Familie. Sie soll aus Dänemark stammen. Als ältester Ahnherr in Deutschland wird Cuno von Angern angegeben, der 1388 ein Lehnstück im Erzstift Magdeburg besaß. Der letzte männliche Besitzer von Sülldorf war der kgl. Preußische Staats- und Finanzminister Ludolf von Angern, der 1826 starb. Dieser bemerkenswerte Mann wirkte nach der Katastrophe von 1807 sehr segensreich für die ganze Gegend, als er als Präsident des Kriegs- und Kontributionskommitees oft die Beitreibung übertriebener Forderungen der französischen Militärverwaltung verhinderte und dabei trotzdem nicht das Vertrauen der Franzosen verlor. Es berührt wehmütig, daß, nachdem der Sülldorfer Zweig der Familie von Angern im Minister die vielleicht höchste Stellung erreicht hatte, mit ihm dieser Zweig der Familie ausstarb. Nicht, weil der Minister mit seiner Frau, geb. v. Möllendorff (Tochter des Feldmarschalls unter Friedrich II.), keine Kinder gehabt hätte. Es entstammten dieser Ehe 11 Kinder. Bis auf 2 Töchter starben alle Kinder unverehelicht. Das Schicksal der einen Tochter ist besonders tragisch. Emilie Amalgundes Schicksalsjahr war das Jahr 1804. In diesem Jahr wurde sie Braut und Ehefrau des Grafen v. der Schulenburg-Kehnert, dann Witwe, da der Mann an Masern starb, die die junge Frau bei der Pflege von Kranken im Dorfe mit ins Haus gebracht hatte. Danach wurde sie Mutter eines Sohnes, der aber kurz nach der Geburt starb. Schließlich starb sie selber im Dezember desselben Jahres. Nur zwei unverheiratete Töchter überlebten die Eltern:

Eveline, geb. am 06.07. 1793, gest. am 31.05.1865 undAgnes, geb. am 09.05.1799, gest. am 09.03.1885.

Als Kuriosum wird erzählt, daß diese beiden alten Damen, nachdem es schon jahrzehntelang Eisenbahnen gab, den Weg nach Berlin zu Hoffesten im Pferdewagen zurücklegten und auch fast jeden Winter mit eigenem Pferdefuhrwerk Reisen nach Italien unternahmen. Der Saal des alten Herrenhauses hatte als Erinnerung an diese Italienreisen gemalte Tapeten, die ringsum den Golf von Neapel darstellten.

Die hervorstechendste Eigenschaft dieser beiden Tanten war die Pflege nachbarschaftlicher und verwandtschaftlicher Bindungen. Besonders herzlich müssen die Beziehungen nach Erxleben, Vinzelberg und Wittenmoor gewesen sein. Es ist ja auch bekannt, daß sich gerade in diesen Häusern der Pflege auch entfernter Verwandtschaften in liebevoller Weise gewidmet wurde. Die Verbindung führt auf zwei Schwestern von Platen zurück, die im 18. Jahrhundert einen Alvensleben-Erxleben II (Joachim IV v. A., 1720-1782) und einen Angern-Sülldorf, (Gebhard Friedrich Ludolf, gest. 1791) geheiratet hatten.Dieses beiderseitige verwandtschaftliche Interesse brachte der Familie ein ertragreiches Rittergut ein. Meine Urgroßmutter Ehrengard v. A, geb. v. Kröcher, machte eines Tages von Erxleben aus mit ihrem dritten Sohn Joachim (1856-1932), meinem Großvater, einen Besuch in Sülldorf. Dieser temperamentvolle blond gelockte vierjährige Junge eroberte die Herzen der beiden alten Damen im Sturm, und als er beim Abschied ausrief: ,,Hier ist es schön, hier will ich immer bleiben", da waren die beiden Tanten überzeugt, den richtigen Erben gefunden zu haben, und setzten ihn in den noch leeren Platz ihres Testamentes ein. Es standen eine Reihe von Anwärtern im Verwandschaftsgrad näher, aber es war dann der enge verwandschaftliche Kontakt, der letzten Endes den Ausschlag für den Entschluß gab, und Sülldorf kam in die Alvenslebensche Familie.

Joachim v. Alvensleben (1899-1942)Mein Großvater, der gleichzeitig Besitzer von Falkenberg und Arensdorf (bei Frankfurt/Oder) war, beließ den Besitz in der Pacht der Gebrüder Schäper, wo er seit 1855 war, um sein Kapital nicht für den Ankauf von Inventar zu verbrauchen, sondern es für den Ankauf von weiterem Grundbesitz zu verwenden.1922 übergab mein Großvater an seinen zweiten Sohn Joachim (1899-1942 - siehe Bild rechts), meinem Vater, den 400 ha großen Betrieb, zuerst in die Bewirtschaftung und dann 1924 in den Besitz, u.a. mit der Auflage, seine Schwester Oda auszuzahlen. Das Inventar wurde mit einer Kolonne von pferdebespannten Ackerwagen aus dem über 250 km entfernten Falkenberg herangebracht. Durch geschickte Betriebsführung während der Inflation gelang es ihm, den Boden auf höhere Erträge zu bringen, so daß es ihm bereits 1937 möglich war, den früher zu Zichtau gehörenden Waldbesitz Neuhof in der Altmark von 646 ha zu erwerben. Als mein Vater am 5.7.1942 in Rußland bei Smolensk fiel, war es die Aufgabe meiner Mutter, Ingeborg, geb. v. der Osten, seit 1943 wiederverheiratete v. der Schulenburg-Schricke, Sülldorf zu bewirtschaften.

Entwicklung von 1945 bis 1990

Nach der Katastrophe von 1945 wurde die Provinz Sachsen zunächst von den Amerikanern eingenommen, dann aber von den Sowjets besetzt. Sülldorf wurde im Zuge der ,,Bodenreform" enteignet. Wir waren inzwischen von Schricke nach Sülldorf zurückgekommen, da mein Stiefvater Schulenburg zur gleichen Zeit von der Sowjetischen Militäradministration als ,,Junker" inhaftiert worden war. Obwohl nie Parteimitglied wurde er im Waldheimer Schnellprozess zu 25 Jahren Haft verurteilt. Urteilsbegründung: Unterstützung des Naziregimes durch "Produktenlieferung aus der Landwirtschaft" . Er durchlief in den folgenden zehneinhalb Jahren die Lager Sachsenhausen, Buchenwald, Mühlberg, Torgau, Waldheim und Bautzen und kam erst Sylvester 1955 nach Adenauers Besuch in Moskau wieder frei. Meine Schwester Ehrengard konnte rechtzeitig in den Westen ausweichen.

Um keine Möglichkeit der Anmeldung von Rechtsansprüchen auf den Besitz zu versäumen, übernahmen wir in Sülldorf eine Siedlerstelle von 5 ha Bodenreformland. Wir bezogen einen Raum im ehemaligen Gutsbürogebäude. Hier lebten meine Mutter, mein Bruder Alvo und ich unter primitiven Verhältnissen. Ich hatte schweren Typhus, und die Dorfbewohner unterstützten uns - z. T. anonym - mit täglichem Essen u.a.m. Diese harte Zeit fand jedoch schon nach wenigen Monaten ein Ende, als wir am 1.1.1946 durch die Sowjetische Militärregierung aus dem Landkreis verwiesen wurden und, nach Flucht über die grüne Grenze, mit Hilfe der Alvenslebenschen Familienstiftung in Schöningen bei Braunschweig auf den 10 Morgen des seit über 800 Jahren der Familie gehörenden Ackers eine neue Existenz aufzubauen begannen.

Während der ganzen Zeit bemühten wir uns nach Kräften, mit den alten Sülldorfern gute Verbindung zu halten. Dies wurde besonders von Mutter und Ehrengard getan. Mir waren als Soldat aus Sicherheitsgründen Kontakte in den Osten untersagt. Besonders eng blieben die Beziehungen zu den Kindern und Schwiegerkindern der Familie Aufzug. Vater Aufzug hatte auf unserem Hof eine Vertrauensstellung inne gehabt und mit den Kindern sind wir gemeinsam aufgewachsen. Das Alvenslebensche Land, aufgesiedelt oder als Bodenfonds belassen, wurde während der DDR-Zeit von der LPG-Osterweddingen verwaltet. Der Mittelpunkt und die Verwaltungsstelle wurden nach Osterweddingen verlegt, was zu einer starken Benachteiligung des Dorfes Sülldorf führte. Die Hofanlagen und auch das Ortsbild insgesamt fielen mit der Zeit der Verwahrlosung anheim. Das Gutshaus wurde durch Bürgermeisteramt, Arztpraxis, Friseur, und diverse Mieter genutzt. Der Garten sowie der Wirtschaftshof (Edelhof) wurden zum Bau von Siedlungsstellen freigegeben. Der Weinberg, ein parkähnliches Gelände neben dem Haus, wurde ebenfalls teilweise aufgesiedelt. Der Forst Neuhof wurde einem staatlichen Forstverband unterstellt.

Sülldorf ab l990

Dank der immer aufrecht gehaltenen Verbindungen ergaben sich nach der Wende beiderseitige Besuche. Der selbstverständlichen Annahme, wieder in den Besitz des angestammten Eigentums zu kommen, stellte sich die Auffassung unserer Politiker entgegen. Ein zähes Ringen mit der Treuhand begann. Wir einigten uns, daß Flächen ehemaligen Besitzes, die nicht in Siedlerhand waren, von uns gepachtet werden konnten. Diese Flächen festzustellen, war unendlich schwer, da die Grundbuchunterlagen entweder vernichtet oder geschwärzt worden waren, und neue Flurbezeichnungen eingeführt waren. Die Erinnerung an den Klassenfeind hatte ausgelöscht werden sollen. Dank der durch meine Mutter bei der Flucht geretteten Grundbuchauszüge konnte Schritt für Schritt Beweis angetreten werden. Dies mußte alles neben meiner beruflichen Tätigkeit in Bonn geschehen. Am 1.10.1991 kam es dann zur einjährigen Pachtung erster Flächen, wobei die Pachtverlängerung Jahr für Jahr von neuem erkämpft werden mußte. Am 28.7.1995 wurde der Vertrag über 154 ha in einen 12-Jahresvertrag umgewandelt. Am 24.9.1996 wurden von der Alvenslebenschen Familienstiftung in Woltersdorf 22,63 ha gepachtet. Inzwischen konnten die Pachtflächen von der BVVG und weitere Flächen käuflich erworben werden.

Zur Bewirtschaftung des Landes wurde uns von der Nachfolgeorganisation der Treuhand, der BVVG, der ortsansässige Neueinrichter Klaus Wallstab empfohlen. Nach Beratung mit dem Betriebswirtschaftlichen Büro Göttingen wurde am 15.9.1991 ein Bewirtschaftungsvertrag abgeschlossen. Da Wallstabs Betrieb im Laufe der Zeit durch Zupachtung weiterer Flächen nach Ansicht des ALF (Amt für Landwirtschaft und Flurneuordnung) zu groß wurde, kam es zu dem Beschluß, uns die Flächen wieder wegzunehmen und der LEVG (früher LPG Osterweddingen) zurückzugeben, womit der damals auf ein Jahr befristete Pachtvertrag keine Verlängerung erfahren hätte. Es entstand eine höchst dramatische Situation und im Wettlauf mit der Zeit gelang es dann doch, LEVG, ALF und BVVG davon zu überzeugen, daß ich Pächter bleiben konnte, wobei ein Bewirtschaftungsvertrag mit der LEVG abgeschlossen wurde. Trotz dieser zunächst schwierigen Situation gab es von Seiten der LEVG unter dem Direktor Klaus Ruffert ein Bemühen um gute Zusammenarbeit, die sich bis zum heutigen Tage fruchtbringend auswirkt.

Ausblick

Inzwischen wurde zur Bewirtschaftung des Ackers eine Gesellschaft bürgerlichen Rechtes (GbR), die Alvensleben-Sülldorf GbR, zwischen meinem Sohn Constantin und mir gegründet, sodaß die Bewirtschaftung auch in der kommenden Generation gesichert ist. Es wird angestrebt, die Wirtschaftlichkeit des Betriebes durch Zupachtung oder Zukauf weiterer Flächen zu erhöhen. Der durch das EALG möglich gemachte Erwerb von 100 ha Wald (Bauernwald) erweist sich in der Praxis als außerordentlich schwierig und konnte noch nicht realisiert werden. Die Schaffung von Gebäuden muß zur Zeit noch der ferneren Zukunft überlassen bleiben.

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Ingeborg v. der Schulenburg, geb. v. der Osten, verw. v. Alvensleben (1902-2003)
 mit ihrem Urenkel Joachim v. Alvensleben 1996
 
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