Graf Bodo v. Alvensleben-Neugattersleben (1882-1961)
Besitzer von Gut Neugattersleben und Präsident des Deutschen Herrenklubs

Graf Bodo v. Alvensleben-Neugattersleben (1882-1960)Er wurde am 18.10.1882 als fünftes Kind des Grafen Werner v. Alvensleben-Neugattersleben (1840-1929) und der Anna v. Veltheim (1853-1897) auf dem väterlichen Gut in Neugattersleben geboren. Werner (1875-1946) und Gustav Konstantin (Gustin, 1879-1965)  v. Alvensleben waren seine Brüder. Nach dem Besuch der Gymnasien in Kassel und Dillenburg studierte er Jura in Bonn und Halle und diente als Einjähriger bei den Kürassieren in Münster. 1908-1910 folgte eine praktische landwirtschaftliche Ausbildung in Winningen und in Neugattersleben.  

Aufgrund eines Zerwürfnisses mit seinem Vater über die beabsichtigte Heirat mit einer Katholikin wanderte er 1910  nach Victoria/Kanada aus, um wirtschaftlich unabhängig zu werden. Nach Kanada war fünf Jahre zuvor schon sein älterer Bruder Gustav Konstantin (Gustin) gegangen und hatte sich vom einfachen Arbeiter zu einem erfolgreichen Unternehmer in Vancouver hochgearbeitet. Auch Bodo begann als Holzfäller, konnte dann ein Handelsunternehmen gründen und damit die wirtschaftliche Grundlage schaffen, um bereits 1912  seine Verlobte, Gräfin Ada v. Korff-Schmising (1878-1924), zu heiraten und nach Kanada zu holen. Dort wurden seine beiden ältesten Töchter geboren.

Bei Ausbruch des ersten Weltkrieges gelingt es ihm, sich auf abenteuerliche Weise nach Deutschland durchzuschlagen und als Kriegsfreiwilliger zu melden. Seine Frau konnte später mit ihren Kindern nachkommen. 1918 wurde die dritte Tochter geboren. Im Krieg wurde er Rittmeister und mit dem EK I und II ausgezeichnet.  Im  Revolutionsgeschehen von 1918 wurde er aufgrund seiner Beliebtheit bei den Soldaten in den Arbeiter- und Soldatenrat gewählt und war in dieser Eigenschaft für den Schutz der Kaiserin Auguste Victoria im Neuen Palais in Potsdam verantwortlich. 

1919 ging er – nach Aussöhnung mit seinem Vater – zurück nach Neugattersleben, um dort zunächst als Pächter und nach dem Tode seines Vaters als dessen Erbe die Bewirtschaftung zu übernehmen. 1924 starb seine erste Frau. In zweiter Ehe heiratete er 1926 Marie-Josefine v. Blücher (1891-1970). Aus dieser Ehe stammte ein Sohn Alvo (1932-1965). 

Neben der Bewirtschaftung des Gutes fielen ihm sehr bald zahlreiche weitere Aufgaben in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft zu. Hierzu hatten wohl auch sein stets verbindliches Wesen, seine rhetorische Begabung, sein Gerechtigkeitssinn und seine soziale Einstellung beigetragen. Das Spektrum seiner Tätigkeiten umfasste die Mitgliedschaft in mehreren Aufsichtsräten in Unternehmen der Ernährungswirtschaft, den Vorsitz des Landbundes im Bezirk Magdeburg, die Landesführung des Stahlhelm im Gau Magdeburg, die Führung  der bürgerlichen Fraktionen im Kreistag, den Vorsitz des Alt-Herrenvereins des Corps Borussia in Bonn, den Vorsitz des Tennisclubs Rot-Weiß in Berlin und nicht zuletzt die Präsidentschaft des Deutschen Herrenklubs in Berlin, dessen Mitgründer er 1924 war. 

Ziel des Herrenklubs war, ein Gesprächsforum zum Gedankenaustausch für Funktionseliten unterschiedlicher Couleur aus Landwirtschaft, Industrie, Politik, Verwaltung, Presse und Wissenschaft zu bieten. Eine große Rolle spielten dabei die jährlich im Dezember in Berlin durchgeführten so genannten Jahresessen, an denen etwa 500 Personen der damaligen politischen und gesellschaftlichen Prominenz teilnahmen. Insgesamt hatte der Klub deutschlandweit um 5000 Mitglieder. Er war in regionale Klubs oder Gesellschaften untergliedert.  

Als Präsident des Herrenklubs bemühte er sich, den Einfluss der aufkommenden national-sozialistischen Bewegung  zurückzudrängen. Alvensleben selbst war seit 1922 Mitglied der Deutsch-Nationalen Volkspartei (DNVP). Als diese Bemühungen 1933 scheiterten, zog er sich jedoch nicht zurück, sondern versuchte, aus der neuen Situation das Beste zu machen.  Als der Stahlhelm geschlossen in die SA überführt wurde, erhielt er den Rang „Brigadeführer der SA ehrenhalber“, ohne dabei eine Funktion zu übernehmen.

Am 1.5.1937 trat er der NSDAP bei (Bundesarchiv, Akte SA 4000 000 27). Seine Beweggründe standen - wie aus den Akten des Spruchkammerverfahrens im Staatsarchiv Ludwigsburg  (EL 902/15) hervorgeht  -  im Zusammenhang mit der erneuten Verhaftung seines Bruders Werner. Um dessen Freilassung erwirken zu können, mußte Alvensleben für seinen Bruder bürgen und ihn in Neugattersleben aufnehmen, wo dieser unter einer Art Hausarrest stand, d.h. er durfte Neugattersleben nur mit Genehmigung der Geheimen Staatspolizei verlassen (Protokoll anläßlich seiner Haftentlassung vom 19.8.1937). 

Als der Landrat des Kreises Calbe (Saale) Dr. Parisius im Kriege zur Wehrmacht eingezogen wurde, hat Alvensleben stellvertretend das Landratsamt verwaltet. Sein Bemühen, dabei seinen ethischen Grundsätzen treu zu bleiben, wurde in seiner Heimat hoch anerkannt, auch über das Jahr 1945 hinaus. So berichtete eine in der damaligen DDR erscheinende Zeitschrift „Der Bär - Heimathefte für Stadt und Land Bernburg“ 1957, dass sich Alvensleben nach 1933 für sozialistische Gemeinderatsmitglieder einsetzte, die von den Nationalsozialisten drangsaliert wurden, weiterhin über einen Brief, den er 1944 an Hermann Göring schrieb, in dem er die schlechte Behandlung von russischen Kriegsgefangenen in Deutschland kritisierte. Bei Partei und Staat geriet er zunehmend in Misskredit. Ein Gutachten für den Gauleiter Jordan vom  9. September 1944 kritisierte nicht nur seine kirchliche Einstellung, er sei auch „in politischer Hinsicht restlos abzulehnen“, seine Abberufung eine „dringende Notwendigkeit“ (Staatsarchiv Ludwigsburg EL 902/15)

Dennoch  wurde er vom 19. April 1945 bis zum 5. August 1947 in  amerikanischen Internierungslagern festgehalten, weil er „auf Grund der hohen formalen Belastung als SA-Brigadeführer in die Gruppe der Hauptschuldigen“ eingestuft wurde. Erst am 25. Mai 1948 erfolgte sein Freispruch durch die Spruchkammer Ludwigsburg (Staatsarchiv Ludwigsburg EL 902/15).  Zuvor war er zum katholischen Glauben übergetreten. Das Gut Neugattersleben war durch die sogenannte Bodenreform 1945 enteignet worden. Seine Gesundheit war angeschlagen und er starb am 3.10.1961 in Frankfurt/Main und wurde in Kronberg/Taunus beerdigt. Nach der Wiedervereinigung Deutschlands überführten seine Nachkommen ihn und seine 1970 verstorbene Frau auf den Familienfriedhof in Neugattersleben.  

Literatur:
  • Hellmut Kretzschmar: Geschichtliche Nachrichten von dem Geschlecht von Alvensleben seit 1800. Burg b. M., 1930, S. 77-78.
  • Hubert Fiedler: Hohndorf – Neugattersleben. Der Bär – Heimathefte für Stadt und Land Bernburg, 2. Jahrgang 1957, S. 250-252.
  • Manfred Schoeps: Der Deutsche Herrenklub. Ein Beitrag zur Geschichte des Jungkonservativismus in der Weimarer Republik. Dissertation Universität Erlangen-Nürnberg 1974.
  • Stephan Malinowski: Vom König zum Führer. Deutscher Adel im Nationalsozialismus. Frankfurt/Main 2004, S. 427ff.