Die Alvenslebensche Ringsage
Ballade – Dichter unbekannt, vermutlich 19. Jahrhundert
I.
Es war zu jenen Zeiten, als Hohenstaufen Hand
Sich um die Herrscherstirne des Ruhmes Lorbeer wand.
Zu Calbe an der Milde saß eine fromme Frau,
Schon war ihr blonder Haarschmuck gemischt mit leichtem Grau
Von Alvensleben nannte sich stolz ihr Ehgemahl.
Jetzt ist der Stamm erblühet in Sprossen reich an Zahl.
Doch damals so geheißen gab’s niemand sonst im Land.
Und scheinbar mit den Gatten der Name auch verschwand.
Sie war geliebt von allen, ein Bild von Weiblichkeit,
Zu dienen dem Geringsten bei Tag und Nacht bereit.
Einst als zum festen Schlummer sie ihre Augen schloß,
Da plötzlich durch das Zimmer, ein Lichtglanz sich ergoß
Und sieh’ ein Wichtelmännchen mit langem weißen Bart
An ihrem Ruhelager voll Staunen sie gewahrt.
„Steh’ auf, mich zu begleiten“, spricht dies, „durch dunklen Gang!
Man sagt, Du helfest gerne. Steh’ auf! Mein Weib ist krank.“
„Schnell bin“, antwortet jene, „Du bärtiger Gesell,
Mit helfenden Tinkturen ich nebenan zur Stell’.“
Gesagt, getan. Bald eilt sie , geführt vom kleinen Wicht,
Durch labyrint’sche Gänge, sie kennt sie selber nicht.
Und in die Erd’, allmählich verlieret sich ihr Schritt
Bis sie in einer Höhlung ans Schmerzenslager tritt.
Da liegt die Frau des Kleinen und klagt ihr ihre Not.
Sie nimmt aus ihrem Kasten, was häufig Linderung bot.
Auch diesmal fehlt dem Trank die gute Wirkung nicht,
Schon schlägt ihr Puls gemäßigt,
schon färbt sich das Gesicht.
Und sprach: „Weil Du gekommen als Retterin der Not,
Da ich zur Nacht Dich störte und weil die Wahrheit spricht
Der Volksmund, der da rühmet: „Die Gute zaudert nicht“,
Du selber sei gesegnet, gesegnet sein Dein Schoß!
Und ob Du gleich schon lange, Dich achtest kinderlos,
Doch wirst Du doch gebären, der edlen Söhne drei.
Der ältste blondgelocket gleich seiner Mutter sei,
Der andre schwarz an Haaren, der dritte aber rot.
Nun geh’ und halt’ auch ferner des Herr’n erstes Gebot!
Als Bürgschaft ihres Glückes gab ich Dir diesen Ring.
So lange sie ihn ehren, es ihnen wohl gelingt!“
Als sie am andern Morgen in ihrem Bett erwacht,
Entsinnt sie sich nur dunkel, was ihr geschehen zur Nacht.
Doch in der Jahre Folge drei Söhne sie gebar.
Der eine blondgelocket gleich seiner Mutter war,
Der zweite schwarz an Haaren, der jüngste aber rot,
So lohnt sich schnelle Hilfe, gewährt in fremder Not.
 
II.
 
Es lag ein Schloß geheißen Rogätz am Elbestrand
In Niedersachsens Fluren, darin sie seßhaft fand
Ein Glied der roten Linie. Es sind wohl dreihundert Jahr,
Daß dort im lustigen Kreise ein Bankettieren war.
Dort saßen viele Zecher und tranken reichlich Wein,
Gewachsen in der Ferne an unserm Vater Rhein.
Schon war von vielen Bechern so manche Zunge schwer,
Und mancher Mann schier voll war und nur gedankenleer.
Gar kecke Worte flogen am Tische hin und her,
Den weinberauschten Zechern war bald nichts heilig mehr.
Da ließ der Wirt herbringen im Kästchen seinen Ring,
Den er, gar wohl verschlossen, vom Vater einst empfing.
Und er erzählt den Zechern die wundersame Mähr,
Wie einst zu seinem Namen der Ring gekommen wär,
„Wir aber“, schloß er, „glauben nicht mehr an solchen Spuk,
Es gibt des Wunderbaren, das wir versteh’n, genug.
Ich werfe dieses Ringlein hinunter in die Flut.
Laßt seh’n, ob’s dem Gedeihen des Stammes Abbruch tut!“
Und weithin in die Elbe das güldne Ringlein flog,
Die ihre Beute gierig zum Grunde niederzog.
Laut lachten die Genossen: „Nur schade um den Ring!
Es war ein artig Schmuckstück, das nun verloren ging.“
Schnell war die Tat vergessen, und weiter durch das Land
Der Strom sich wie von Alters zu seiner Mündung wand.
Allein gleich diesem abwärts auch mit dem Zweig es ging,
Bald nur an wenig Augen, die rote Linie hing.
In Kurzem starb ihr letzter, geflochten auf das Rad:
Das Wort des Wichtelmännchen also bewährt sich hat.
 
III.
 
In jenen bösen Zeiten, als dreißig Jahre lang
Der Krieg auf deutschen Boden die harte Geisel schwang,
Ward auch die Altmark oftmals vom Feindesheer bedroht,
Und rings umher im Lande erscholl der Schrei der Not.
Da dachte bei sich selber vom weißen Zweig ein Haupt:
Wer bürgt, dass in dem Trubel man uns den Ring nicht raubt?
Er ließ ihn drum umschmelzen und gab das reine Gold,
Daß es beim Abendmahle im Kelche dienen sollt!
Doch als der Feind im Lande, schien’s ihm noch nicht genug,
Das Kleinod selbst zu wahren, von dannen er es trug.
Und in des Hauses Nähe an einer Mauerwand
Gab gerade es zu besser n, da bracht mit eigner Hand,
Den Kelch er zum Vermauern. Man tat es, was er hieß,
Doch schier zum eignen Schaden er jenen bergen ließ.
Er starb und auch die Maurer, da wusste niemand mehr,
Wo doch der Kelch geblieben. Verabsäumt hatte er,
Es anderen zu enthüllen – weil er’s nicht ratsam fand,
Damit das Gold nicht käme in unberufne Hand. –
Durch Zufall nur nach Jahren ward allzu klug versteckt
Der heil’ge Becher dennoch an seinem Platz entdeckt.
Und jenem weißen Zweige gegeben wurde Frist,
Daß er zu unsern Tagen im Land noch sesshaft ist.
Die Schwarzen aber wuchsen. Zu Erxleben noch heut’
In künstlichem Gehäuse der Ring den Blick erfreut.
Von Holz kunstvoll gebildet birgt ihn des Täufers Haupt,
Aus frühem Mittelalter den Kopf man stammend glaubt,
Schwarz-Weiß weht unsere Fahne im teuren Preußenreich,
Es sind ruhmreiche Farben, dem Preußen-Aare gleich
Sei das Geschlecht begleitet von Glück in fernste Zeit,
Wie einst das Wichtelmännchen einst sprach voll Dankbarkeit.
Doch höher als des Kleinen der Segen Gottes ist,
Drum sei ein Alvensleben allzeit ein rechter Christ!
 

(Quelle unbekannt – Aus Familienarchiv „erhalten von Major a. D. Joachim von Alvensleben-Falkenberg, Ritterschaftsdirektor der Mittelmark“.)