Die Ringsage in der ältesten erhaltenen Fassung von Edinus (1581)

Deutsche Übersetzung von Alkmar v. Alvensleben-Rogätz

 

Die Burg Calbe, die umgürtet ist von sumpfreichen Gefilden,
ein sehr berühmter Sitz des Alvenslebenschen Geschlechts,
hatte schon in alter Zeit eine vortreffliche Herrin,
verheiratet an einen Ehemann aus diesem Alvenslebenschen Geschlechte.


Da diese an Frömmigkeit hervorleuchtete
war die besondere Güte ihres sanftmütigen Wesens
und ihr glühender Wunsch zu helfen
ziemlich bekannt vor allem den an allen Dingen Darbenden


und sie unterstützte
mit Leibesfrucht schwangere und dem Gebären nahe Mütter,
wenn ihr Leib sich öffnete, indem sie sie umfasst hielt
und förderte durch guten Ratschlag und die Kunst des Paean1 schnelle Geburten.


Einst war eine schwangere Frau in der benachbarten Stadt
und da kam eilig eine Magd zu nächtlichen Stunden
als alle Zugänge und Tore verschlossen waren,
und sprach die Herrin mit schmeichelndem Namen an und begann zu reden,
da ja eine Frau der Geburt nahe sei,
möge sie aus Frömmigkeit des Herzens die Gnade haben, in die darunterliegen de Stadt zu eilen
und nicht die Bitten der Schwangeren vergeblich sein zu lassen.


Die Burg stehe auch allenthalben mit offenen Toren da.
Jene von der unbekannten Stimme mit vielem Schrecken erfüllt,
sammelte sich endlich und fasste sich ein Herz.
Aus dem Bett aufstehend folgt sie den wegweisenden Worten der Magd
und sieht auch die Hallen mit offenen Toren.


Sie tritt eifrig heran zu der Schwangeren
und findet sie nahe der Entbindung
und sie leistet Hilfe jeglicher Art mit ihrer treuen Hand
und es half Lucina2 mit glücklicher Geburt.


Als jene sich also noch in der Nacht bereit macht wegzugehen,
tritt mit gütigen Worten wieder diese Magd an sie heran
und einen Ring aus reinem Gold, den sie in der Hand hielt,
bietet sie als Ehrengeschenk der dankbaren Mutter,
den sie ihr selbst und den zukünftigen Geschlechtern anempfiehlt.


Denn so lange der Ring im Geschlecht der Alvensleben bleibe,
blühe dieses in der Gunst der Götter reichlich
und die meisten Pläne und alle Handlungen
seien vom Schicksal begünstigt erfolgreich.


Sie möge also dies Geschenk und den Lohn für ihre Mühe
mit treuer Sorge bewahren.
Dann auch führt sie die Frau zu den offenen Toren der Burg hin
und als sie sie zur inneren Schwelle des Schlafgemachs geführt hatte,
verließ sie sie und aus den Augen ver schwand die ganze Erscheinung.


1 Paean = Arzt der Götter, gleichgesetzt mit Apollo
2 Lucina = (die an das Lebenslicht fördernde) Geburtsgöttin