Der Müller von Tschernow

Als die Kreuzheere das Land an der unteren Warthe eroberten, vertrieben sie dort wie anderswo die Heiden. Da aber der Herrenmeister, Friedrich von Alvensleben, von vornherein darauf bedacht war, an der günstig gelegenen Stelle beim Zusammenfluss der Lenze und der Postum ein Schloss und eine Stadt (Sonnenburg, polnisch: Slonsk) zu errichten, befahl er, die dort gelegene Mühle und den Müller darin zu schonen, da man die Mühle und den Müller für die Versorgung der Siedler benötigte.

Zwar meinten viele Ritter, es tue nicht gut, einen Heiden das Korn der Christen anzuvertrauen und warfen dem edlen Alvensleben vor, er schone die Ungläubigen nur, weil er selbst einmal einen weißen Rock getragen und als Templer mit Ungläubigen Verkehr gepflogen habe.

Allein dieses Mal setzte der Herrenmeister seinen Willen durch: der Müller blieb unangefochten. Nur wurde seine Wohnung und Mühle aus dem Schloss- und Stadtgebiet ausgeschieden und dem Dorf Tschernow (südöstlich von Küstrin, südwestlich von Sonnenburg, polnisch: Czarnow) zugewiesen. Denn nimmer durfte ein Ungläubiger das Bürgerrecht der Christen haben; mit den Dörfern nahm man das von alters her nicht so genau.  

Vierzig Jahre hat der Müller dort noch gelebt und gearbeitet. Friedrich von Alvensleben, der dem Müller stets wohl gewollt und nach Kräften beschützt hatte, war längst zur letzten Ruhe eingegangen. Doch aus Respekt vor dem verstorbenen Herrenmeister haben die Ritter den heidnischen Müller bis zu seinem Tode geduldet, obwohl sie lieber einen christlichen Müller aus dem Reiche gehabt hätten.  

Auszug aus der Sage „Der Müller und der Teufel“ von E. Handtmann, 1883, S. 190-194