Das Knödelland

Der Blutknödelbaum auf dem Hügel Golgatha überdauerte lange Zeit alles Unglück, welches über das heilige Land hinging. Doch war sein Geheimnis nur den Schülern St. Johannis bekannt und durch diese an die Ritter vom Tempel gekommen. Nur noch Peter von Amiens hatte außerordentlicherweise durch einen Engel Kunde von diesem Baume erhalten. Als derselbe nämlich auf dem Kreuzigungshügel betete, erschien ihm ein Engel, brach eine Frucht von dem Baume und belehrte ihn über dieser Frucht Bedeutung. Peter brachte dieselbe zu Papst Urban, welcher auf dem Konzil zu Clermont dem zuerst vor ihm niederknienden Ritter aus derselben fünf rote Tropfen nach der Zahl der Wunden Christi auf den Mantel sprengte: das war das siegspendende Kreuz der ersten Kreuzritter. Als aber Jerusalem aufs Neue in die Hände der Ungläubigen fiel, traf schweres Unheil auch den heiligen Baum. Ein Verräter, ein Renegat aus den Templern, gab dem Sultan Saladin Kunde von dem Baume, und Saladin ruhte nicht eher; als bis er mit den anderen Christen auch den Orden vertrieb und den heiligen Baum durch Zaubermacht zersplittert hatte.  

Ahnungsvoll jedoch hatte ein Komtur der Templer kurz vor dem Abzug aus der heiligen Stadt ein Reis vom Blutbaume gebrochen und mit sich in das Elend - man bezeichnete also das Ausland - genommen. Dieses Reis blieb während der ruhelosen Wanderschaft der Templer frisch und grün. Und als es endlich Friedrich von AIvensleben, der dem Orden zur Rettung auf Markgraf Waldemars Rat das Kleid der Johanniter anzog, nahe der neuen Ordensveste Sonnenburg in den Erdboden senkte, schlug es Wurzeln und erwuchs schnell zu einem starken Baume. Oft sah man an dieser Stätte, dort wo jetzt die Oberförsterei Limmritz (östlich von Sonnenburg, polnisch: Lemierzyce) erbaut ist, die alten Templer versammelt. Auf das ganze Ordensland strömte ein Segen von dem Blutknödelbaum aus. Der Westwind trug den Hauch vom heiligen Baume über dieses Land, welches man jetzt Kreis Oststernberg nennt, welches aber von alten Zeiten her und im Munde der Leute noch immer wegen der vielen und schönen dort wachsenden Knödelbäume den Namen  „Knödelland“ trägt.  

Erläuterung: Der Blutknödelbaum war aus dem Wurzelstock einer Wildbirne (=Knödelbaum) gewachsen, aus deren Stamm man das Kreuz Christi gezimmert hatte. Im Gegensatz zur normalen Wildbirne hatten die Früchte blutroten Saft und wurden deshalb Blutknödelbaum genannt. 

Quelle: Rosemarie Pankow: Sagen und Geschichten aus dem Sternberger Land. Husum 1992. Nr. 2a, S. 12 - nach E. Handtmann: Neue Sagen aus der Mark Brandenburg. Berlin 1883, S.166-171