Das Heidenopfer am Tankower See

Die Templer hatten unter Führung ihres tapferen, gerechten und milden Führers, des Herrenmeisters Friedrich von Alvensleben, am Mohriner See unter dem wunderbaren Beistand Gottes ein großes Wendenheer in einer schweren und blutigen Schlacht völlig besiegt. Für immer schien die Macht der Heiden gebrochen und das neue fruchtbare Land den Deutschen wiedergewonnen zu sein. In der großen Massiner und Golliner Heide sammelten sich jedoch die Slaven, durch Zuzug verstärkt, noch einmal zum letzten entscheidenden  Kampfe. Am östliche Rand der großen Heide, dort  wo der fischreiche Tankower See lag, feierten die Slaven seit altersher ihren Göttern zur Ehren das fröhliche Fest der Sommersonnenwende. Diesen Ort hatten sie heute ausersehen zu blutigem Tanze mit den Christen. Hier sollte sich entscheiden, ob ihre alten Götter zukünftig in dem Lande rechts der Oder herrschen würden oder der Christengott. 

Die Heiden waren voller Zuversicht, denn das Heer der Christen war nur klein und dazu von dem langen Marsch durch den großen unbekannten Wald in dieser heißen Jahreszeit fast zu Tode ermattet und erschöpft. Aber das Kriegsglück wandte sich abermals den Templern zu. Die Heidenschar wurde völlig geschlagen und der Rest, welcher trotz der Aussichtslosigkeit auf Erfolg erbittert weiter kämpfte, erbarmungslos in die Fluten des Tankower Sees getrieben. 

Die Frauen und Kinder im Heidenlager hatten einen anderen Ausgang des Kampfes erwartet, daher hatten sie zu lange mit der Flucht gezaudert und waren von einer kleinen Abteilung des Christenheeres plötzlich eingeschlossen worden. Sie verlangten, zu dem Führer der Christen gebracht zu werden. Friedrich von Alvensleben, der stets ein Freund der Verlassenen und Elenden gewesen, erklärte sich sogleich bereit, eine Abordnung von ihnen zu empfangen. 

Die Wenden sandten zwölf schöne, kluge und verständige Jungfrauen zu dem Herrenmeister. Die baten in bewegten Worten um Leben und Freiheit. Als nun Friedrich von Alvensleben mit seinen Ordensrittern Beratung abhielt, erklärten sich auch fast alle seiner Mitkämpfer bereit, gegen die Frauen, Kinder und Greise der besiegten Feinde christliche Gnade walten zu lassen. Das lag aber nicht in dem Sinne des finsteren Legaten, der im Auftrage des Papstes die Templer auf ihren Kriegszügen begleiten musste. Er wollte die Heiden in der Neumark ausgerottet wissen. Was half es, dass der milde Alvensleben und der größte Teil der Ritter des Templerordens fest blieben. Der Legat wusste durch seine Reden die Kampfgenossen der Ordensritter auf seine Seite zu bringen. Ja er drohte den Templern sogar mit dem päpstlichen Bannstrahle. 

So erteilte man den grausamen Befehl, das Heidenlager zu zerstören und alles Lebende, Menschen und Vieh, mit dem Schwerte umzubringen. Die Schätze aber, welche man antreffen würde, sollte man der Kirche als Opfer darbringen. Als sich nun die Krieger dem Lager näherten, kamen ihnen wieder jene zwölf Jungfrauen unter Führung eines alten Heidenpriesters entgegen. Sie wollten hören, was beschlossen sei, und hofften ihren Angehörigen gute Botschaft bringen zu können. Als sie jedoch erfuhren, was man im christlichen Lager beschlossen, waren sie starr vor Entsetzen. Sie rangen ihre Hände und flehten zu ihren Göttern um Schutz und Hilfe. Plötzlich rauschten und brausten die Wellen des nahen Sees. Ein Sturmwind wälzte große Wasserwogen heran. Die 12 Jungfrauen eilten noch schnellen Laufes zum Lager der Ihrigen zu. Aber auch hier waren schon die mächtig schäumenden Wogen hereingebrochen. In kurzer Zeit verschlang zum Entsetzen und Erstaunen der Christen der wilde See das ganze Lager, dass nichts davon übrig blieb. 

Auf den aufgeregten und wild rasenden Fluten des Sees sahen jedoch die Krieger der Deutschen eine weiße Gestalt, wie sie meinten, eine der 12 Jungfrauen, die Tochter des Priesters, noch lange hin und her tanzen. Bald lachte sie höhnisch und winkte die Christen herbei, bald hob sie drohend die Arme empor und stieß zornige Worte hervor. Als der Legat herbeigerufen wurde, um die sonderbare Erscheinung zu bannen, da wandelte sich bei der Jungfrau ganz Ansehen und Gestalt. Wie ein Wesen aus anderer Welt erhob sie sich riesengroß und rief dem hartherzigen Priester zu: 

„Du winkst. Nun wohl ich gehe,
doch wo ich stehe,
soll stets in besten Mannesjahren
ein Christ hinab zur Tiefe fahren.“
Darauf verschwand die Gestalt, im Christenheere herrschte jedoch keine frohe Siegesstimmung. Finster und bleich schritt der päpstliche Legat einher. Zornig und vorwurfsvoll blickten ihn Alvensleben und seine Krieger an. Es wurde beschlossen, sogleich am nächsten Tage die Gegend zu verlassen und in die Heimat zu ziehen.
Am nächsten Morgen, noch ehe die Sonne aufging, erwachte der päpstliche Legat aus einem unruhevollen Schlaf. Er war matt und müde, wie nur am Abend zuvor. Als er das Lager verließ und in die Nähe des Sees kam, war es ihm, als winke gar freundlich und verlockend eine weiße Gestalt und lade ein zum Bade. Unablässig musste er dorthin starren, unwiderstehlich zog es ihn zum frischen Wasser. Er konnte auch nicht lange dem eigenen Wunsche, seinen ermüdeten Körper durch ein erfrischendes Bad neu zu beleben, widerstehen. So entledigte er sich seiner Kleidung und stieg in die kühle Flut. Kaum hatte er jedoch den Versuch gemacht, eine kleine Strecke zu schwimmen, so verließen ihn seine Kräfte und lautlos sank er in die Tiefe. Als die Christen nun einige Stunden später aufbrachen, suchte man den Legaten vergeblich im Lager. Nach kurzer Zeit fand man seine Leiche am Ufer des Sees.
Später haben Ansiedler hier eine Stadt gegründet. Während jedoch andere Städte in der Neumark volkreicher wurden und zu herrlichen Gemeinwesen heranblühten, teilte Tankow das Schicksal der Städte Berneuchen und Neuenburg. Die Bürger konnten hier nicht zu Reichtum und Wohlstand gelangen. Darum verließen sie den Ort, der noch vor dem dreißigjährigen Krieg zu einem kleinen Dorfe herabsank.Der Sage nach sollen besonders Männer, stark gesund, kriegstüchtig und in den besten Jahren immer wieder im Tankower See ertrunken sein. Das sei die Strafe dafür, dass einst vor nunmehr fast 1000 Jahren christliche Eroberer auf Anraten eines christlichen Priesters die Gesetze und Gebote christlicher Nächstenliebe und christliche Erbarmens vergaßen und selbst Kinder und Frauen in dem eroberten Heidenlande, wie einst die Israeliten die einheimische Bevölkerung im Lande Kanaan, abschlachten und vernichten wollten.   Quelle: Paul Biens: Heimatklänge. Sagen und Bilder aus der Geschichte der Neumark. Herausgegeben von Jörg Lüderitz. Nachdruck der Erstauflage von 1909. Verlag Bock&Kübler, Berlin-Fürstenwalde-Woltersdorf, 1994, S. 19-23.