Zielenzig (poln. Sulecin) und der Aukensee bei Gleißen

Friedrich von Alvensleben wollte die Herrschaft des Kreuzes Christi so weit ausbreiten, als ihm irgend möglich war. Er hatte im Norden der Warthe glücklich die Kreuze des Ordensgebietes der deutschen Ritter erreicht und bis dorthin die Heiden vernichtet. Nun zog er über die Ordensfeste Sonnenburg südwärts hinaus, und dem Lauf der Lenze und der Postum aufwärts folgend, eroberte er das Land Sternberg.  

Nahe der Postumquelle stieß er plötzlich auf andere Feinde als diejenigen waren, welche er bisher im Wendenlande bekämpft. Das waren keine gedrungenen, flachsköpfigen Leute, welche mit Keulen und mit kurzen Schwertern gegen seine Krieger fochten. Vielmehr waren es hagere Männer mit dunklen Haaren und dunklen, funkelnden Augen, ihre Waffen krumme Säbel, Pfeil und Bogen. Ohnehin des vielen Streitens und Kriegens müde, sandte er, bevor sie miteinander handgemein wurden, Botschaft, zu fragen, wer sie wären. Die Boten brachten Nachricht zurück: „Jene Männer gehören zu einem großen Volk, welches bis weit nach Osten hin Wohnung hat. Sie lassen dir Freundschaft und gute Nachbarschaft entbieten, wollen dir die bis hierher gemachten Eroberungen ruhig gönnen. Doch auch du sollst sie nicht beunruhigen und ihre Herrschaft über die Bewohner des Landes, welches sie gleichfalls eben erobert, nicht stören.“ 

Solche Kunde war Friedrich von Alvensleben sehr willkommen. Er hatte sich bereits Sorgen gemacht, jene fremden Krieger möchten zu den Türken des Morgenlandes gehören, und mit diesen den Templern und Johannitern noch zu wohlbekannten Feinden aufs Neue anzubinden, verspürte er keine Neigung. Wehmütig seufzte er nur: “Hüben wie drüben die Schwarzen über die Weißen!“  Was musste ihn auch alles daran erinnern, dass er nicht mehr den weißen Templermantel, sondern das schwarze Johannitergewand trug! 

So sandte er denn dem Führer der fremden Reiter gleichfalls Botschaft zu Friedens- und Freundschaftsgruß, stieß seine Lanze auf dem Hügel, an welchem das Kreuzheer lagerte, in den Boden und rief seinen Leuten zu: „Hier ist das Ziel, hier endet sich's!“ Dann gebot er, an eben dieser Stifte eine Grenzfeste und Warte zu errichten, bei der sich ein Städtlein für fleißige Handwerker und Ackerbauer erheben sollte, wie's Brauch in den Marken geworden war. Doch solcher Bau wollte nicht zustande kommen. Soviel  die Werkleute bei Tag auf dem Berg bauen und schichten mochten, über Nacht war alles verschwunden. 

Ob auch die Priester den Boden weihten und segneten, ob auch das ganze Heer fastete und Prozessionen aufstellte: des Morgens war nichts von dem zu sehen, was tags zuvor geschafft worden war. Nach drei Wochen beschlossen die Ritter, von der unnützen Mühe abzulassen. Sie waren es überdrüssig, den Spott der Heiden ferner anzuhören, welche ihnen zuriefen: «Ne zelenje», das ist «Keine Ansiedlung» und höhnend erzählten, sie hätten recht gut von vornherein gewusst, dass dieser Berg derartig von Quellen durchzogen sei, dass auf ihm Gebäude zu errichten und an seinen Seiten Äcker anzulegen nicht möglich wäre. 

Indes nun die Bauleute zusammenräumten, geht ein Mönch aus dem Christenheer unten am Berg nach Osten spazieren und verirrt sich dabei im Rohr und Elsengestrüpp. Vergebens sucht er nach einem Ausgang. Er will, da es mit der zunehmenden Dunkelheit sehr kühl geworden, sein Gewand fester schnallen. Neues Unheil: die Zunge in der schon alten Gurtschnalle bricht aus und geht im Morast verloren. Noch tappt er eine Weile umher, dann sinkt er von Frost und Müdigkeit überwältigt zu Boden. Da, zu seinem Glück schlägt ein Hund an. Er rafft sich auf, dringt mit letzter Anspannung seiner Kräfte durch das dichte Gestrüpp, und dem Bellen des Hundes nachgehend erreicht er glücklich eine aus Zweigen und Moos gefertigte Hütte. In dieser saß bei flackerndem Feuer ein alter Heidenpriester, welcher ihn freundlich willkommen heißt, ihm gern das Gastrecht gewährt, ihm auch bereitwillig einen neuen Gurt mit fester Schnalle zum Festschürzen der Kleider gibt. 

Sie essen und trinken miteinander und halten freundschaftliches Wechselgespräch. Jeder erzählt von seinem Volk, von den Göttern und von den Heiligen. Da klagt denn der Mönch, er und die Ritter hätten so gern auf dem Berg an der Grenze eine Christenstadt und ein Gotteshaus gehabt als ragende Warte in die Heidenwelt hinein. Aber hier am Ende des Landes scheine die Macht der Unterirdischen, der Heidengötter, zunächst noch zu groß zu sein, dass ein christlich Werk dagegen nicht aufkommen könne. Das werde sich wohl erst ändern, wenn nicht bloß im eignen Land, sondern auch jenseits der Grenze der Unglaube abgetan sei. 

Da lacht der alte Heidenpriester ihm ins Gesicht: «Das wird sich nie ändern! Hier geht's nicht nach eurem Willen, hier könnt ihr nur wohnen, wenn ihr werdet, wie wir waren.» «Da sei Gott vor!» ruft der Mönch voll Entsetzen, Doch der Heidenpriester lacht weiter, steckt ihm die Zunge heraus und klopft sich mit dem Zeigefinger der rechten Hand vor die Stirn. Dem Mönch wurde klar, dass sein Gastgeber während des eifrigen Gesprächs und des wechselseitigen Zutrinkens des guten zuviel getan hatte. Schon will er; des eignen Ruhebedürfnisses eingedenk, jenen bitten, dass sie sich zum Schlafen niederlegen wollen. Da lallt ihm der Heide, vom Sitz aufspringend, mit schwerer Zunge zu: «Komm und sieh selbst.» Er schreitet zur Tür der Hütte hinaus. Von dem Mönch ist vor der plötzlich rege gewordenen Neugier alle Müdigkeit gewichen, und rüstig folgt er seinem voraneilenden Gastgeber ins Dunkel. Welches Abenteuer wird  es geben?  

Sie schreiten lange kreuz und quer über Hügel, Talsenkungen, bald durch Sumpf und Moor. Endlich vernimmt der Mönch ein leises Rieseln wie von Wasser, das an Steinen herabplätschert. Indem steht sein Führer still und spricht ganz; leise zu ihm: « Was ich dir hier zeigen werde, ist ein großes Geheimnis, selbst meinem eigenen Volke ist dasselbe verborgen geblieben. Nur in meinem Geschlecht hat es sich vom Vater auf den Sohn fortgeerbt, was für unser Volk und das Land hier ringsum von großer Wichtigkeit war. Meine Vorfahren und ich selbst sind die Priester der großen Göttin, der Mutter des Lebens, gewesen, die da Macht hat über das alles Leben der Erde erhaltende Wasser. Der Berg, auf dem ihr eine Feste bauen und eine Ackerstadt gründen wolltet, ist der großen Göttin heilig. Er ist von oben bis unten von Quelladern durchzogen, und seine Wasserfülle hält nicht nur die eignen Abhänge desselben, sie hält auch weit umher das Land so feucht, dass es nur als Wiese und Elfenbruch den Menschen zu Gebote steht. Mein Volk, die Wenden, nahmen das so hin, wie es ihnen die große Göttin, die Mutter des Lebens, darbot und fanden Wohlgefallen daran, hier in dieser Gegend vereinzelt als Hirten und Jäger zu leben. Nur einen schwachen Abfluss, notwendig, dass nicht in Überfülle des Wassers der Boden sauer und unbrauchbar werde, hatte das Wasser des heiligen Berges. Wir stehen hier vor diesem. Aus einer Steinmauer, die meine Vorfahren und ich sorgfältig in Ordnung gehalten haben, jeden vom Wasserdruck gelockerten Stein sofort wieder befestigend, träufelt der Überfluss des Wassers aus dem Berg hier zu Tal. Hier opferten wir der großen Göttin und wachten unter Gebeten, dass alles blieb, wie es war. Sieh, das ist das Geheimnis des Berges, das ich dir anvertraue, damit du wohl belehrt den Deinigen sagest, was sie hier zu tun haben. Nämlich dass sie, nachdem sie die Erbschaft meines besiegten Volkes angetreten haben, hier auch leben, wie die Unsrigen gelebt, nicht zusammen in einer Stadt, sondern einzeln als Hirten und als Jäger. Ich habe keinen Sohn mehr, dem ich das alte Geheimnis übergeben könnte. Mein Sohn ist unter den Schwertstreichen eurer Reiter gefallen. So sei du mein Erbe. Zieh in meine Hütte, in welche der große Gott dich geleitete ohne deinen und meinen Willen. Diene hier der Gottesmutter, von welcher du mir erzählt hast, nach eurer Weise, wie ich ihr nach der meinen gedient habe, und gib das Geheimnis immer nur an einen andern Einsiedler weiter. Möge es euch wohl ergehen, wie es unserm Volke hier lange Zeit wohl erging. Hüte dich, das Geheimnis andern mitzuteilen. Sie würden neugierig in großen Scharen herkommen, und leicht könnte an dem vor dir stehenden Geschicht der Steine etwas gelockert werden. Das Wasser dahinter übt gewaltigen Druck. Bricht's einmal stärker auch nur kurze Zeit unbeobachtet durch, so ist es nie wieder zurückgekommen, Es entströmt dem Berg für immer und stürzt sich in die hinter uns befindliche Schlucht, bildet dort einen großen See und eilt unterhalb der Erde weiter nach Morgen zu einer andern Schlucht und von dieser aus gen Mitternacht in rasendem Lauf der Warthe zu. Dann aber wäre es nicht nur mit den Brüchen und Weiden hier herum vorbei, dann würde der Boden dort auf der Bergeshöhe so trocken, dass nicht einmal eure Weise, den Acker zu bestellen, von sonderlichem Nutzen wäre. » 

Nachdem er so gesprochen, entzündete der alte Heide einen Fichtenzweig, und beim Schein der Flamme sah der Mönch eine gewaltige Steingrotte am Bergesabhang vor sich, aus welcher ein schwaches Rinnsal hernieder träufelte. Der Heide streute etwas in das zu ihren Füßen vorbei fließende Wasser und murmelte Gebetsworte. Unwillkürlich betete der Mönch mit ihm. Das Geheimnis, dessen Hüter er werden sollte, bedrückte ihm die Seele.  Die wunderliche Art seines Gastgebers, der erst so geheimnisvoll tat und dann so offenherzig war, machte ihn verwirrt. Die Unruhe seiner Seele zu beschwichtigen, schlug er in dem Augenblick, wo der Heide den Fichtenzweig zur Erde warf und dieser ins Wasser sinkend erlosch, mit einem Stoßgebetlein zur Heiligen Jungfrau ein mächtiges Kreuz vor sich auf die Steinwand zu. Da war's ihm, als zitterte der Boden und als fingen die Steine an, sich knirschend zu schieben. Ein scharfer Wasser- strahl schoss ihm angenehm kühlend an die glühende Stirn. Aber schon hatte ihn sein Gastfreund an der Hand ergriffen und geleitete ihn in völligem Schweigen rasch zuschreitend durchs Dunkel zur Hütte zurück. Dort angelangt, sprach er: «Jetzt ruhe noch ein wenig. Mit Tagesanbruch geleite ich dich so weit, dass du euer Lager wieder findest. Nach drei Tagen kehre wieder. Du wirst mich nicht mehr lebend finden. Begrabe mich unterhalb der geweihten Grotte, dass das heilige Nass über den Rasen meiner hügellosen Grabstätte hinab strömt, und warte weiter des von mir bisher gepflegten Dienstes.» In herzlichem Abschied trennten sich beide andern Morgen, nachdem der alte Heidenpriester seinen Gast noch so weit geleitet, dass dieser die Richtung nach dem Christenlager nicht mehr verfehlen konnte.  

Schon während sie noch miteinander daher schritten, fiel dem Mönch auf, dass der Erdboden weit feuchter als am Nachmittag des vorhergehenden Tages war. Nachdem sie sich getrennt hatten und er allein weiter schritt, geriet er bald bis an die Knöchel ins Wasser an Stellen, über welche er gestern trocknen Fußes geschritten war. Noch eine kurze Strecke, da musste er schon bis an die Knie im Wasser waten. Und was war das? 

Plötzlich vernimmt er hinter sich einen markerschütternden Schrei, und sich umblickend sieht er seinen Gastgeber, welcher mit zwei Speeren bewaffnet durch das hoch aufspritzende Wasser auf ihn zugelaufen kommt. Unwillkürlich bleibt erstehen. Da schlagen aus dem Mund des fast atemlosen Verfolgers die abgerissenen Worte an des Mönches Ohr: «Fremder, meine Zunge, das Geheimnis; Fremder, meine Zunge: du musst sterben!» Und ein Speer, von des rasenden Alten Hand geschleudert, saust über seinen Kopf hin. Jetzt erfasst den Mönch namenlose Angst, und er flieht so schnell es geht durch das immer höher steigende Wasser vor seinem Verfolger, der den zweiten Speer hochhaltend auf ihn zustrebt. Da kommt ihm der Gedanke: der Alte hat zweimal das Wort «Zunge» gerufen. Sollte er ihm zürnen, dar er ohne Dank mit dem Gurt davongegangen sei, den jener ihm als Ersatz für seinen eignen gegeben, in welchem die Schnallenzunge ausgebrochen war? Hastig löst er den Gürtel. Doch bei der hierdurch veranlassten Zögerung ist sein Verfolger so nahe, dass er ihn fast mit dem Speere erreicht und denselben zückt, ihn niederzustechen. Da schleudert der Mönch mit der Wut und Kraft der Verzweiflung dem alten Heiden den Gürtel ins Gesicht.. Er hat, ohne solches zu wollen, jenen so getroffen, dass er seines Verfolgers ledig ist. Die aus solcher Nähe heftig geschleuderte Schnalle und deren Zunge ist dem Heidenpriester ins rechte Auge gefahren. Mit furchtbarem Weheruf sinkt derselbe rücklings ins Wasser und ist darin verschwunden, indes die seinem Fall folgenden Wogenkreise den jetzt ungefährlichen Speer auf den Mönch zu tragen. Der Mönch ergreift den Speer, ihn für das Weiterfliehen im Wasser als willkommene Stütze zu benutzen. Da rauscht's plötzlich nochmals hinter ihm. Er glaubt, sein Verfolger tauche wieder auf, und hebt kampfbereit seinerseits die Waffe. Doch aufs neue und aufs höchste erstaunt über solch Wunderwerk lässt er ihn schnell sinken: dort, wo der Heidenpriester versank, hebt sich aus dem Wasser eine riesengroße graue Wildgans. Sie schlägt drohend mit ihren ungeheuren Flügeln, kreischt ganz ähnlich wie der Todesschrei des niedersinkenden Heidenpriesters erklungen, zu dreien Malen. Dann wendet sie sich und entflattert dorthin, wo nach des Mönches Erinnerung das Tal mit der Steingrotte gelegen, bei welchem er mit seinem Gastgeber in der Nacht gewesen und wohin ihn jener hatte bannen wollen.  Mühsam arbeitete sich der Mönch, auf den Speer gestützt, durch das immer höher schwellende Wasser hindurch, bis ihm die Christen, welche von der Bergeshöhe herab voll Staunen auf diese plötzliche Überflutung blickten, wahrnahmen und ihm auf einem schnell aus Balken und Brettern zusammengefügten Floß entgegenfahrend Hilfe brachten. Sobald er ins Lager gelangt war, ließ er sich sofort vor den Herrenmeister führen und berichtete dem, was ihm in der Nacht und eben noch am Morgen widerfahren war.  

Friedrich von Alvensleben erkannte in alledem sofort die gnädige Fügung des Himmels. Er ordnete an, dass das Heer nicht abziehen sollte, bis die Bauleute eine Burg auf dem Hügel errichtet hatten, und sprach froh: « So ist doch hier das Ziel und endet' sich 's!» «O Zelenje!» klagten und jammerten freilich die Heiden, als sich neben der Burg eine Ansiedlung der Christen erhob, in deren Mitte der Mönch, welcher hier so viel Wundersames erfahren und erlebt hatte, nach dem Willen des Herrenmeisters sowohl wie des Landesbischofs von Lebus ein Heiligtum der wahrhaftigen Mutter des Lebens, nämlich der allerheiligsten Jungfrau, die der Welt den Fürsten des Lebens geschenkt, errichtet und fortan als Priester bediente.  

Als die Abhänge des Berges sich unter den fleißigen Händen der Christen in Äcker und Gärten verwandelten, zogen sich die wenigen noch übrig gebliebenen Heiden nach dem Gestade des neuen Sees ins Rohr und Elsbruch zurück. Die Christen lenkten nicht gern ihre Schritte dorthin. Der See lag so düster da, und häufig war auf ihm eine riesengroße Wildgans zu sehen, welche unter lautem Geschrei gegen die Neusiedlung, d. i. gegen Zielenzig, hin drohend mit den Flügeln schlug. Nicht lange, so gesellten sich zu der einen großen Wildgans noch viele andere Wildgänse, deren düstere Gestalten und unheimliches Kreischen und Toben den See erst recht jedermann verleidete, zumal nachdem einige, die auf dem See fischen wollten, mit ihrem Kahn von plötzlichen Wirbelwinden erfasst und in die Tiefe gezogen wurden. Man raunte sich im Volk zu: die wilden Gänse seien die Seelen jener Heiden, welche beim Entstehen der christlichen Stadt Zielenzig zum neuen See entwichen seien und dort, heidnisch weiter lebend, hartnäckig sich gegen den wahren Glauben abgeschlossen hätten. In Unruhe und Zorn friedlos sterbend müssten sie, zu Wildgänsen verzaubert, den Tag des letzten Gerichtes erwarten, geschart um den letzten Heidenpriester, welcher frevelntlich einen Priester des wahren Gottes hatte verführen wollen. Auch meinte man, dort in der düsteren Seeschlucht, die nur zu oft ein Opfer forderte, sei für das Sternberger Land der Eingang zur Hölle. 

Es ist wahr: der Aukensee, jetzt Ankensee genannt, mit seiner unergründlichen Tiefe, der Kälte seines Wassers, der engen Schlucht und dem kleinen vom Zielenziger Berg her zu ihm strömenden Wässerchen, hat etwas außergewöhnlich Unheimliches an sich. Man schauert unwillkürlich zusammen, tritt man an dieses dunkle, unter kurzen Windstößen dann und wann plötzlich wie aufkochende und dann wieder regungslose Gewässer.  

Und doch müssen wir dankbar zu ihm niederblicken.  

Denn wäre nicht vor dem Kreuz des Mönchs die rohe Steinwand der heidnischen Opferstätte zusammengestürzt, wäre der Aukensee nicht entstanden: wie hätte sich wohl das friedliche, gewerbfleissige Städtchen Zielenzig erheben können? Dass der See entstanden, brachte der Christenheit in der Mark vielen Segen. Allein es hat auch seine Not mit der Stadt und dem umlie- genden Land. Des Heidenpriesters Warnung an den  Mönch hat nur zu sehr in der Folgezeit ihre Bestätigung gefunden. Nicht bloß nach dem See ist viel Wasser entwichen. Auch alle anderen Gewässer, die von Wandern her auf der dem See entgegen gesetzten Seite des Berges bei Zielenzig vorbeiströmende Postum voran, eilen von der Sternberger Höhe abwärts in unglaublich raschem Lauf der Oder und Warthe zu. Große Mühe kostet es, Mühlwehre zu errichten und instand zu halten, größere als irgend sonst wo in der Mark, und Rieselanlagen zu machen gelang bisher auf der Höhe nicht. Wie sehr nötig aber wären dort solche! Der Acker, schöner, schwerer Boden, fast gleich dem des Odertals, in feuchten Sommern überaus ertragreich, leidet nur zu oft und zu sehr unter der Dürre, da ihm so gut wie jede nachhaltige Innenfeuchtigkeit fehlt. Und Wiesen? Meilenweit, bis hin nach Sonnenburg, müssen solche mühsam aufgesucht werden. Ein Glück, dass die Männer und Frauen im Sternberger Land mit einer Arbeitslust, wie sie kaum in der Welt wieder anzutreffen, gleich geboren werden und in solcher beständig bleiben bis ins Altenteil hinein. Wo's so steht, kommt schon jeder zu seinem Ziel, und von allem kann's heißen: Gut endet's sich! 

Quelle: Ingeborg Drewitz: Märkische Sagen. Berlin und die Mark Brandenburg. Rowohlt - Reinbek bei Hamburg 1995, S. 294-304 - nach Handtmann, 1883, S. 194-205