Ludwig v. Alvensleben

1800-1868 | Schriftsteller, Übersetzer, Theaterregisseur und Herausgeber verschiedener Zeitschriften, Pseudonym Gustav Sellen

Er wurde am 3.5.1800 in Berlin geboren als Sohn des Majors August v. Alvensleben (1775-1819) aus dem Hause Redekin und der Charlotte Gräfin v. Schlippenbach (1777-1831). Im Jahr 1828 heiratete er Florentine Herzog (1807-1833), 1834 Elvire Böhn (1818-1853) und in dritter Ehe Emma Greiffeld (1831-1909). Aus diesen Ehen gingen neun Kinder hervor, von denen fünf bereits im Kindesalter starben. Seine Großmutter war die Schauspielerin Friederike v. Alvensleben, geb. v. Klinglin (1749–1799).

Bereits mit dreizehn Jahren nahm er an den Befreiungskriegen teil und schlug zunächst eine Offizierslaufbahn ein. 1821 wurde er wegen eines an den Prinzen August von Preußen geschriebenen Drohbriefes mit zweijährigem Festungsarrest bestraft. Von 1825 bis 1828 studierte er Recht in Leipzig, konnte aber die Abschlussprüfung wegen mangelnder Lateinkenntnisse nicht ablegen. Seinen Lebensunterhalt bestritt er als freier Schriftsteller, Übersetzer und Journalist. 1830 kam er wegen einer in Halle gedruckten, gegen die Leipziger Polizei gerichteten Schrift „Schatten und kein Licht“ für kurze Zeit in Haft (Goedecke, 1913, S. 419). 1836 leitete er vorübergehend das Hoftheater in Meiningen. 1841 zog er nach Wien. Dort beteiligte er sich im Oktober 1848 aktiv an der Revolution und wurde dafür nach deren Niederschlagung zunächst zum Tode verurteilt, sodann aber zu einer einjährigen Festungshaft begnadigt und nach deren Verbüßung aus Wien ausgewiesen. Er ging über Breslau und Magdeburg zunächst nach Weimar, dann wieder nach Leipzig und 1864 zurück nach Wien, wo er am 3.8.1868 starb. Durch häufige Krankheiten wurde seine literarische Tätigkeit oft beinträchtigt, sodass er in Not geriet und von seiner Familie unterstützt werden musste.

Werk

Ludwig v. Alvensleben war ein vielseitiger Unterhaltungsschriftsteller. Er verfasste eine Reihe von eigenen Novellen und Romanen, betätigte sich erfolgreich als Übersetzer aus dem Englischen und Franzözischen und war Herausgeber verschiedener Zeitschriften. Noch heute theatergeschichtlich bedeutsam ist die 1832 von ihm gegründete Zeitschrift „Allgemeine Theater-Chronik“, die bis 1873 erschien und die er bis 1837 redigierte. Unter seinen Übersetzungen befanden sich Napoleons Werke (6 Bände, Chemnitz 1840), Eugène Sues Sämmtliche Werke (Leipzig 1838-46) in 24 Bänden sowie Werke Balzacs, Molières, Dumas`, Swifts (Gullivers Reisen), Defoes (Robinson Crusoe), Casanovas (Memoiren in 13 Büchern). Insgesamt übersetzte er über 140 Romane und Theaterstücke und war damit neben Georg Nikolaus Bärmann (1785-1850) der bedeutendste deutsche Übersetzer seiner Zeit (Bachleitner, 1989).

Unter seinen eigenen Werken ist „Der Lügenkaiser – Schicksale des Herrn von Münchhausen II jun“ (Meissen und Pesth 1833) hervorzuheben – eine zeitkritische Satire, die 1966 und 1968 (als Taschenbuch) – zusammen mit dem Original-Münchhausen von 1786 – neu aufgelegt und wie folgt charkterisiert wurde: „Alvensleben war ein revolutionärer Geist, der den Mut hatte, die von ihm erkannten Bruchstellen in der staatlichen und gesellschaftlichen Ordnung wie im Zusammenleben und -wirken der Menschen aufzuzeigen. Diese für seine Zeit bemerkenswerte Haltung, die auch vor seiner eigenen, immer noch bevorrechtigten Gesellschaftsschicht nicht haltmachte, macht ihn uns besonders sympathisch.“ (Wackermann, 1966).

Weitere eigene Werke waren unter anderen: Erzählungen (Halberstadt 1830), Der strafende Burggeist (Historischer Roman, Meißen 1830), Novellen und Erzählungen (Nürnberg 1831), Der entlarvte Jesuit (Meißen 1831 – mehrere Auflagen), Lebens- und Reisebilder und Novellen (Leipzig 1841), Enzyklopädie der Gesellschaftsspiele (Leipzig 1853, neun Auflagen bis 1893), Polterabend-Scherze (Quedlinburg 1858, neun Auflagen bis 1888), Garibaldi (Biographie, Weimar 1859), Fürst Lobkowitz oder: Die Rache bis über das Grab. (Historischer Roman, 3 Bände, Wien 1862/63), Allgemeine Weltgeschichte für das Volk (3 Bände, Wien 1865-1872).

Literatur:

  • Meyer´s Konversationslexikon 1841, S. 424
  • Karl Goedeke: Grundriß zur Geschichte der deutschen Dichtung, Zweite Auflage, Zehnter Band, Dresden 1913, S, 416-425 (mit Bibliograpie)
  • Neue Deutsche Biographie, Erster Band, 1953, S. 234
    Wilhelm Kosch: Deutsches Literatur-Lexikon. Bern und München 1968, S. 89/90
  • Erwin Wackerman (Hrsg.): Münchhausens wunderbare Reisen. Zweite vermehrte Ausgabe. Hamburg 1966
  • Walter Killy (Hrsg.): Literaturlexikon, Band 1. Bertelsmann Lexikon Verlag (1988), S. 118.
  • Norbert Bachleitner: „Übersetzungsfabriken“. Das deutsche Übersetzungswesen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Internationales Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur (IASL) 14 (1989) H. 1, S. 1-49 (enthält im Anhang ein Verzeichnis der Übersetzungen von Ludwig von Alvensleben).