Groß Engersen bei Kalbe/Milde

Gut Groß Engersen bei Kalbe/Milde

Reste des Gutshauses von Südosten

Das Gut Groß Engersen gelangte 1420 in den Besitz der Alvensleben. Um 1589 ließ Ludolf XI. (1546-1589) aus Calbe dort einen bescheidenen Witwensitz für seine Frau Anna v. der Schulenburg bauen, den sie als Leibgedinge erhielt und wo sie bis zu ihrem Tode 1604 auch lebte. Ihr Nachfolger Ludolf XIV. (1554-1626) auf Hundisburg „errichtete zu Engersen das erste anständige Wohnhaus“ (Wohlbrück III, S. 36) für den jüngsten seiner drei Söhne. Dieses wurde von 1690 bis 1733 von Ludolf XVII. bewohnt und in dieser Zeit vermutlich auch ausgebaut. 1812 mußte das Gut zusammen mit Zichtau, Berge und Schenkenhorst verkauft werden.

Udo v. Alvensleben-Wittenmoor beschrieb das Anwesen, wie es sich vor 1945 darstellte, und seine Baugeschichte wie folgt:

„Das einstige Herrenhaus liegt nordostwärts der Kirche, isoliert und ein wenig erhöht am Dorfrande über der Niederung. Über Koppeln von mächtigen Eichen beschattet, fällt der Blick auf die uralte Kirche von Klein Engersen. Das Haus, zu dem Gilleschen Erbhof gehörend und bis 1945 von Landarbeitern bewohnt, hat die Form eines langgestreckten sächsischen Bauernhauses, einstöckig, in starkem Eichenfachwerk auf Feldsteinfundament erbaut, darüber ein hohes Ziegeldach, auf dem Ostgiebel eine Wetterfahne mit dem Alvensleben-Wappen, während die Bauernhöfe des Dorfes nach fränkischer Art gebaut sind. Die westliche Hälfte mit alter Toreinfahrt wird als Viehstall und Scheune benutzt, während auf altmärkischen Bauernhöfen Wohnhaus und Stallungen getrennt zu sein pflegen. Fenster von einer Größe, wie sie an Bauernhäusern nicht vorkommen, bezeugen die einst herrschaftliche Bewohnung und mögen von Ludolf XVII. vor 1733 eingesetzt worden sein. Imposant wirken die gewölbten Keller unter der Osthälfte und die spukhafte, in einen gewaltigen Rauchfang einmündende alte Küche.“

„Dies seltsame Gebäude, eine Mischung von Bauernhaus und adeliger Räuberhöhle, das – um mit Ernst Jünger zu reden – ‚noch unverhohlen im alten Heidenglanze daliegt’, gibt uns Rätsel auf. Zweifellos stand hier der Witwensitz Annas v. der Schulenburg, dem das „erste anständige Wohnhaus“ des Hundisburger Ludolf XIV. folgte, worunter man um 1600 nur ein zweistöckiges Gebäude verstehen konnte. Dieser Bau wird in Kriegszeiten zerstört oder – weil unbewohnt – verfallen und für Ludolf XVII. wiederhergestellt worden sein. Einstöckig ist auch das noch vorhandene Wohnhaus eines der verschwundenen Vorwerke zu Calbe. Doch wohnte ein über große Besitzungen gebietender Schlossherr von Neugattersleben mit seinen Schweinen unter einem Dach? Ferner: Wie war die Gesamtanlage, die doch im 16. Jahrhundert entstand, geschützt? Wahrscheinlich durch Wassergräben, Wälle, Palisaden. Und was für Nebengebäude mögen vorhanden gewesen sein? Der Wirtschaftshof wurde nach 1821 abgebrochen. Von den Besitzern selten bewohnt, diente das Herrenhaus den Amtsleuten als Sitz, die das Gut bis 1812 verwalteten, unter denen der verständige Amtmann Stambke im 18. Jahrhundert ‚in ehrendem Andenken’ steht.“

1945 wurde der Gillesche Hof im Rahmen der Bodenreform enteignet. In dem Gebäude wurden zwei Siedlerstellen eingerichtet, von denen heute nur noch die Osthälfte erhalten ist. Der Westteil des Hauses wurde abgerissen.

Literatur

  • Siegmund Wilhelm Wohlbrück: Geschichtliche Nachrichten von dem Geschlecht von Alvensleben und dessen Gütern. Band III, Berlin 1829.
  • Udo v. Alvensleben-Wittenmoor: Chronik der altmärkischen Burg Calbe an der Milde. Unveröffentlichtes Manuskript 1920-1960, S. 245-247 – veröffentlicht unter dem Titel: Die Alvensleben in Calbe 1324-1945, bearbeitet von Reimar v. Alvensleben, Falkenberg August 2010 (180 S), S. 154-156.